Pilgerreise und Kolumne
Nach meiner letzten Pilgerreise nach Santiago de Compostela (siehe Camino Primitivo)
habe ich mir vorgenommen, nicht mehr das Grab von Apostel Jakob über einen
Pilgerweg zu besuchen. Die letzten hundert Kilometer mit dem ALSA-Bus zurückgelegt
ermöglichen mir mehr innere Einkehr, als wenn ich Mitglied in einer endlosen
Karawane von Pilgertouris bin.
Wie ich dem Straßenkarneval von Compostela entkommen kann, dafür habe ich im
Moment noch keine Lösung. Vielleicht sollte ich im Winter nach Compostela pilgern.
Nur befürchte ich, dass ich im Winter auf die Werbeveranstaltung der Banco Pastor,
die in der Kathedrale von Santiago de Compostela abgehalten wird, verzichten muss
und ich somit nicht den Herrn Kardinal als PR-Manager der besagten Bank ansichtig
werde. Dieses Manko wird hoffentlich dadurch ausgeglichen, dass der
Ausländerzuschlag für Übernachtungen bei privaten Zimmeranbietern entfällt.
Dieser (illegale) Zuschlag wird – hoffentlich – nur in wenigen
Beherbergungsbetrieben erhoben.
Fast überall gibt es Auswüchse, die einem die Freude am Geschehen nehmen können,
so auch auf dem Camino Francés.
Wenn ich nachfolgend eine Kolumne wiedergebe, heißt das nicht, dass alles auf
dem Weg schlecht ist oder die negativen Erscheinungen zu verallgemeinern sind.
Mit Hilfe dieser Kolumne möchte ich die zukünftigen Pilger darin sensibilisieren,
dass ihre Erwartungen nicht immer erfüllt werden. Die Auswüchse sind nicht
schön, aber man sollte diese, soweit es geht, ignorieren und sich trotzdem auf
den Weg machen. Es gibt Schlimmeres.
Die Kolumne zum Thema ist ein Auszug aus dem Buch „Selbstversuch Spanien“ von
Andreas Drouve. Es erscheint im Conbook-Verlag und kann über
Amazon
erworben werden.
Lug und Trug und »das Gummi des Weges«
Doppelmode: der Jakobsweg und der absurde Pilgerkommerz
...Jeder Gang zum Bäcker führt mich über den Jakobsweg. Nicht, dass ich bereits
beim Baguetteholen auf Eingebung hoffe oder auf eine Minigutschrift für den Ablass
– ich lebe direkt am Jakobsweg, der klassischen Wallfahrerroute durch Spaniens
Norden. Arbeits- und Schlafzimmer geben, wann immer ich möchte, den Blick auf
die Pilger frei. Ich habe alles unter Kontrolle, niemand entrinnt mir. Schade,
dass ich zur Aufbesserung unserer Haushaltskasse keinen Wegezoll eintreiben kann.
Es würde sich lohnen.
In Kürze beginnt die Pilgersaison aufs Neue. Damit steigt die Spannung, wie
viele Ankömmlinge es wohl in diesem Jahr ins galicische Santiago de Compostela
schaffen. Dorthin, wo seit dem wundersamen Fund im Mittelalter das Grabmal des
heiligen Jakobus verehrt wird. Dorthin, wo die Zahlen der ausgegebenen
Pilgerurkunden für Wanderer, Radler und Reiter seit den Neunzigerjahren
unaufhaltsam gestiegen sind. Dorthin, wo man über den Umweg Apostelgrab bei sich
selber anzukommen hofft.
Spötter halten den Jakobsweg mittlerweile für die längste Psychiatercouch der
Welt, Kritiker prangern eine esoterisch unterfütterte Psychohygiene und den
Bettenrun in überfüllten Herbergen an. Dessen ungeachtet werden die Tourismuslenker
nicht müde, potenzielle Aufbrüchler über Bücher, Filme und Zeitungsberichte hinaus
mit griffigen Slogans anzustacheln. »Jetzt ist der Moment, Galicien ist das Ziel«,
posaunen sie in die Welt. Oder: »Kommen Sie, haben Sie Teil am Wunder.«
Die PR-Strategien für den Pilgerweg kennen kein Erbarmen. Selbst auf Dosen
isotonischer Fitnessdrinks und Rollbanden in Fußballstadien habe ich
Jakobsweglogos ausgemacht ...
Die erfolgreichen Werbefeldzüge finden ihr Spiegelbild an und auf dem Weg selber.
Es liegt deutlich mehr Müll herum, vor allem auf dem letzten Streckenteil durch
Galicien. Kaum ein Baum bleibt ungedüngt, und auf Ginstersträuchern habe ich
schon öfter Zierrat aus weggewehtem Klopapier gesehen. Ihr Fähnchen in den
Wind hängt auch die Erzdiözese von Santiago de Compostela, die den Erfolg des
Jakobsweges zuvorderst an den spirituellen Faktor kettet.
Unterwegs in den Dörfern dürfen aufgestellte Getränkeautomaten ebensowenig fehlen
wie Abreißzettel an Hauswänden. Darauf bieten Taxifahrer ihre Dienste in Form von
Rucksacktransporten von Etappenort zu Etappenort an. Pilgern light als
Lifestyle-Event, mit Glück nimmt der Fahrer Kreditkarte. Gewarnt sei vor
Gasthäusern mit Betrügerseelen, die, wie mir Radpilger Hans versichert hat, fünf
Euro für den Kaffee verlangen. Andernorts ist der Wein im Restaurantmenü zwar
inbegriffen, doch am Ende wird wegen »übermäßigen Konsums« schon einmal versucht,
ihn separat zu berechnen. Einfach ernüchternd. Obgleich es genügend ehrliche
Häute am Jakobsweg gibt, zeigt die Gegenwart mit Nepp, Lug und Trug vereinzelt
den Rückfall ins Mittelalter – und damit eine Duplizität der Ereignisse.
Damals, so verbürgt das Standardwerk jener Zeit, der im 12. Jahrhundert verfasste
Codex Calixtinus, mischten Händler und Gastwirte oft Wasser in den Wein,
schwarzen Sand in den Pfeffer und billige Schnur in die Kerzen. Ebenso gab es
unterwegs falsche Bettler, die, so liest man im Codex weiter, »unter dem Schein
großen Schmerzes« Vorbeizüglern ihre Beine oder Arme entgegenhielten, »die sie
sich mit Hasenblut eingefärbt oder mit der Asche von Pappelrinde eingerieben«
hatten. Fantasievoll gingen überdies jene zu Werke, die Gesicht und Hände mit
Waldbeeren einrieben, »um sich das Aussehen von Kranken zu geben.« Zurück in
der Gegenwart, habe ich vor den Kathedralen von Burgos und Santiago de Compostela
Bedürftige gehört, die per Handy nach dem Abholdienst verlangten. Ende der Schicht.
Das Mittelalter, in dem Gastwirte Pilger gelegentlich vergifteten, um deren Habe
an sich zu reißen, ist zwar passé, aber heute bleibt Vater Staat mit seinem Anteil
auf der Strecke. »In Pensionen und Gasthöfen am Jakobsweg galt es für uns immer:
cash, aber ohne Rechnung«, so Radpilger Hans nach Ende seiner Tour vor der
Rückkehr nach Stuttgart. Die Deals am Jakobsweg finden ihren Fortgang in manchen
Lebensmittelläden, in denen Preisschilder fehlen und Waagen an der Obst- und
Gemüsetheke. Austariert wird offenbar nach Gesichtskontrolle an der Kasse.
Wer könnte bei welchem Preis die Miene verziehen ...?
Wallfahrt und Kommerz sind seit jeher Bündnispartner. Am Pilgerziel Santiago
de Compostela treibt der Handel am Jakobsweg seine finale und größte Blüte.
Souvenirshops bieten komplette Pilgersets feil. Umhang, Hut, Stab, Trinkkürbis.
Wer das Equipment daheim verschenkt, möge vorsorglich darauf achten, ob das
Etikett »Made in China« entfernt ist. Neu waren mir beim letzten Aufenthalt
Shirtmotive mit »Spongebob Schwammkopf« auf Wallfahrt und Pilgerpüppchen auf
dem Motorrad.

Und plötzlich entdeckte ich ihn in der Nähe der Kathedrale. Genauer: in der
Vitrine eines Ladens, den bisherigen Gipfel der Absurditäten, gegen den jede
Kitschmaria mit halluzinatorischem Augenaufschlag und selbst das Wasser von
Lourdes ein nasser Abklatsch ist: »La goma del Camino«, »das Gummi des Weges«.
Ein Kondom mit dem Aufdruck »Camino de Santiago«, Jakobsweg.
P.S.: Nicht zu verhüten war die zwischenzeitliche Geburt von PR-Strategien in
Österreich. Dort bringt die Tiroler Genussregion Paznaun im Sommer unter dem Motto
»Kulinarischer Jakobsweg« Kreationen renommierter Köche auf die Tische von
Alpenvereinshütten. »Nachhaltiger Tourismus, internationale Sterneküche,
regionale Produkte und uriges Bergerlebnis finden dabei zusammen«, heißt es.
Wo dabei die Verbindung zum wahren Pilgerwesen bleibt? Wir empfehlen eine
Anfrage an den zuständigen Tourismusverband Paznaun ...